Fallstudie · Slowakei · Dezember 2019 bis Februar 2020

Der Wahlrechner, den jeder zehnte Slowake ausgefüllt hat.

Ein Nebenprojekt von zwei Personen an Abenden und Wochenenden: 34 Meinungsaussagen beantworten, in drei Minuten die nächststehenden Parteien sehen, das Ergebnis teilen. Kein Marketingbudget. Innerhalb eines Monats nach dem Start hatten es mehr als eine halbe Million Menschen abgeschlossen, und die nationale Presse wollte wissen, wer dahintersteckt.

522'254abgeschlossene Durchläufe in weniger als einem Monat
3 Min.durchschnittliche Zeit bis zum Ergebnis
98'774Personen wünschten eine detaillierte Analyse per E-Mail
0 CHFfür Marketing ausgegeben
Meine RolleIdee und Konzept, Nutzerforschung, UX- und UI-Design, Frontend-Entwicklung
MitMarián Vismek, Backend-Entwicklung
MethodenInterviews, Umfrage (n = 150), Persona, Empathy Map, Szenario, User Flow, Informationsarchitektur, Papier- und digitale Wireframes
StatusNach der Wahl 2020 abgeschaltet. Die Zahlen stammen aus der damaligen Website-Analyse und wurden von der Presse zitiert.
Übersetzte Fassung, 2026 aus der englischen Fallstudie von 2020 neu aufgebaut. Die Screenshots zeigen das slowakische Produkt; die Bildunterschriften erklären sie.
00Warum

Das Interesse an der Parlamentswahl war auf einem historischen Tiefstand.

Die Parlamentswahl 2020 war wichtiger als jede andere Abstimmung in der Slowakei, und die Beteiligung war über Jahre gesunken. Ich verfolge Politik täglich und hatte vier Jahre lang Produkte gestaltet. Der Rechner war der naheliegende Ort, beides zu verbinden: die Frage «Wen soll ich wählen?» leichter machen und Menschen dazu bringen, sich dafür zu interessieren.

Discover

Ziele, Rahmenbedingungen und die Menschen, für die es gedacht ist.

Define

Interviews, eine Umfrage unter 150 Personen, eine Persona und eine Empathy Map.

Ideate

Ein Szenario, der User Flow und die Informationsarchitektur.

Design & Test

Papierprototypen, dann Low- und High-Fidelity-Wireframes.

01Discover

Designstrategie

Eine Checkliste: Was das Projekt erreichen muss, was im Weg stehen kann, und woran man Erfolg erkennt.

1 · Geschäftsziele

Glaubwürdigkeit rund um einen Wahlrechner aufbauen, die Meinungspräferenzen Tausender Menschen erfassen, um Stimmungen in der Gesellschaft auszuwerten, und E-Mail-Adressen für Folgeprojekte sammeln.

2 · Zielgruppe

Studierende, Berufstätige, Alleinstehende und Verheiratete. In der Praxis: alle Wahlberechtigten, die sich noch nicht entschieden hatten.

3 · Kernaufgabe

Die Partei finden, die die Meinungen und Werte der Nutzerin oder des Nutzers teilt.

4 · Technische Rahmenbedingung

Gebaut für aktuelle Browser, zuerst fürs Handy, weil der grösste Teil des Traffics aus sozialen Medien auf dem Telefon erwartet wurde.

5 · Marketing

Inhalte, die sich für jede Person leicht teilen lassen, dazu Social-Media-Beiträge und Presse. Keine bezahlten Kanäle.

6 · Erfolgsfaktor

Ein relevantes Ergebnis für jede Person, das die Realität gut genug abbildet, damit man ihm vertraut und es weitergibt.

02Define

Was genau ist das Problem?

Zuerst kurze Interviews, dann eine Umfrage unter 150 Personen, um zu prüfen, ob das Gehörte typisch ist.

2.1Interviewfragen

  • Wie alt sind Sie?
  • Haben Sie sich entschieden, welche Partei Sie wählen?
  • Kennen Sie die Programme der Parteien?
  • Woher beziehen Sie Ihre Nachrichten?

2.2Umfrage unter 150 Personen

Wie alt sind Sie?

  • 18–2533 % (49)
  • 26–3530 % (45)
  • 36–5528 % (42)
  • 56+9 % (14)
150 Teilnehmende

Haben Sie sich schon entschieden?

  • Entschieden67 % (100)
  • Unentschieden33 % (50)
150 Teilnehmende

Kennen Sie die Parteiprogramme?

  • Ich kenne sie13 % (20)
  • Ich kenne sie nicht87 % (130)
150 Teilnehmende

Woher beziehen Sie Nachrichten?

TV-Nachrichten30 % (45)
Online-News24 % (36)
Facebook19 % (29)
Zeitungen16 % (24)
Instagram6 % (9)
Andere5 % (7)
150 Teilnehmende

2.3Was die Recherche ergab

Eine Zahl entschied die Richtung: 87 % der Befragten kannten die Parteiprogramme nicht, und ein Drittel hatte sich noch nicht entschieden. Die Interviews erklärten, warum.

  • Relevante Informationen über eine Partei sind online schwer zu finden.
  • Die Leute wollen in wenigen einfachen Schritten wissen, welche Partei ihre Werte am besten vertritt.
  • Sie wollen diese Information online, nicht in einem gedruckten Programm.
  • Sie sind überfordert von Behauptungen, welche Partei «die beste» sei.

2.4Persona

Aus der Umfrage gebaut, damit das Design ehrlich bleibt, für wen es gedacht ist.

Persona-Foto: ein junger Mann im weissen T-Shirt, lächelnd
Paul, 26Ich habe keine Ahnung, was die Parteien auf ihrer Agenda haben.
Geschlecht
männlich
Einkommen
unter 15k im Jahr
Beruf
Automobilindustrie
Status
verlobt
Wohnort
Levice, Slowakei

Über Paul

Paul arbeitet in der Automobilindustrie. Nach der Arbeit ist er erschöpft und hat keine Lust, Parteiprogramme zu analysieren. Seine Entscheidung prägen vor allem enge Freunde und das, was er auf Facebook findet. Er möchte wissen, welcher Partei er tatsächlich am nächsten steht.

Schmerzpunkte

  • Relevante Informationen sind kompliziert zu finden
  • Zu viele Parteien
  • Weiss nicht, welche Partei am besten passt

Motivation

  • Seine passende Partei finden
  • Mit Freunden in sozialen Medien über Parteien reden
  • Geht regelmässig wählen

Bedürfnisse

  • Ein einfacher Weg, in kurzer Zeit seine Übereinstimmung zu finden
  • Das Ergebnis mit Freunden teilen
  • Seine drei besten Parteien sehen

Soziale Medien

FacebookInstagramTwitter

Gerade jetzt

Gestresst, beschäftigt, verwirrt. Abenteuerlustig, technikaffin.

2.5Empathy Map

Was Paul sagt, denkt, tut und fühlt, und welche Schmerzen und Gewinne daraus folgen. Sie zeigt auch, wo die Recherche noch Lücken hatte.

Sagt

  • «Ich will wissen, wie sehr ich mit den Parteien übereinstimme, nach Werten und Meinungen.»
  • «Ich will eine verlässliche Informationsquelle.»
  • «Ich weiss nicht, wo ich mit der Suche anfangen soll.»

Denkt

  • «Es gibt zu viele Parteien, und ich weiss nicht, wo ich beginnen soll.»
  • «Brauche ich ein Politikstudium, um die passende Partei zu finden?»

Tut

  • Redet mit Freunden über deren Wahl.
  • Liest gelegentlich Online-Nachrichten über eine Partei.

Fühlt

  • Ungeduldig: Es gibt eine Unmenge an Informationen.
  • Verwirrt: zu viele widersprüchliche Meinungen.
  • Besorgt: nicht sicher, welche Entscheidung richtig ist.

Schmerzen

  • Schwer zu entscheiden, welche Partei die beste ist.
  • Schwer, die Agenda einer Partei zu kennen.

Gewinne

  • Ein einfacher Weg, schnell eine Übereinstimmung zu finden.
  • Ein Ergebnis mit Prozent-Übereinstimmung pro Partei.
  • Etwas zum Teilen und Diskutieren.
03Ideate

Vom Bedürfnis zu seiner Erfüllung.

Ein Szenario, das die Motivation im Blick behält, ein User Flow, der die Schritte klein hält, und eine Informationsarchitektur, die die Website klein hält.

3.1Szenario

Entscheiden, wen man bei der Parlamentswahl 2020 wählt

Freitagabend. Paul kommt nach einer weiteren anstrengenden Woche nach Hause. Die Wahl steht bevor, und er weiss noch immer nicht, welche Partei er wählen soll. Er hat keine Energie, Hunderte Seiten Parteiprogramme durchzublättern. Er tippt «Wahlrechner» in sein Telefon.

Er findet volbydoparlamentu.sk. Er beantwortet eine Reihe von Aussagen, Zustimmung oder Ablehnung. Er ist überrascht, nach drei Minuten ein Ergebnis zu haben.

Jetzt sieht er, wie gut er mit der in den Umfragen führenden Partei übereinstimmt. Er ist erleichtert, sich endlich entschieden zu haben, und teilt das Ergebnis auf Facebook, um seinen Freunden zu zeigen, wofür er steht.

3.2User Flow

Jeder Schritt, den eine Person macht, um die eine Aufgabe zu erledigen, für die die Website existiert. Der gestrichelte Ausgang ist der einzige Weg zu scheitern: gehen, bevor man anfängt.

User Flow: Landingpage, Über das Projekt oder Alter und Geschlecht wählen, Rechner starten, alle Aussagen beantworten, die wichtigsten markieren, berechnen, Ergebnisseite, auf Facebook teilen oder alle Ergebnisse zeigen, Ende Sie Landing-page Über das Projekt Alter & Geschlecht Rechner starten Abbruch Alle Aussagen beantworten Die wichtigsten markieren Ergebnis berechnen Ergebnis-seite Auf Facebook teilen Alle Ergebnisse zeigen Ende
  1. Landingpage
  2. Über das Projekt, oder Alter und Geschlecht wählen
  3. Rechner starten (hier abzubrechen ist der einzige Weg zu scheitern)
  4. Alle Aussagen beantworten
  5. Die wichtigsten markieren
  6. Ergebnis berechnen
  7. Ergebnisseite
  8. Auf Facebook teilen, oder alle Ergebnisse zeigen
  9. Ende

3.3Informationsarchitektur

Drei Seiten. Alles andere hätte Zeit gekostet und Menschen verloren.

Landingpage
Über das Projekt
Der Rechner
Ergebnisseite
Ergebnisinformation
Auf Facebook teilen
Alle Ergebnisse zeigen
E-Mail mit mehr Informationen
Tiefere Analyse
04Design
& Test

Zuerst Papier, zuletzt Pixel.

Jede der drei Seiten durchlief dieselben drei Stufen: eine Papierskizze, um die Idee zu prüfen, ein graues Wireframe, um die Struktur zu prüfen, und ein High-Fidelity-Wireframe mit echten Inhalten, um den Ton zu prüfen.

4.1Papierprototypen

Papier ist der günstigste Weg, herauszufinden, dass ein Layout nicht funktioniert. Die Landingpage musste das Eingabeformular des Rechners, eine Erklärung und die Auswahl von Alter und Geschlecht auf einer Scrollhöhe unterbringen.

Papierskizze der Landingpage, obere Hälfte: Logo, Überschrift, Call-to-Action, AkkordeonPapierskizze der Landingpage, untere Hälfte: Fortschrittsbalken und Reihen von Antwortknöpfen
Landingpage
Papierskizze der Ergebnisseite: Parteilogo, Teilen-Knopf, E-Mail-Feld mit Einwilligung
Ergebnisseite
Papierskizze der E-Mail mit weiteren Informationen
E-Mail mit mehr Informationen

4.2Low-Fidelity-Wireframes

Graue Kästen mit den echten slowakischen Texten. Hier bekamen die Aussagekarten ihren Drei-Knopf-Rhythmus und die Ergebnisseite ihren E-Mail-Schritt.

Low-Fidelity-Wireframe der Landingpage auf Slowakisch
Landingpage
Low-Fidelity-Wireframe der Ergebnisseite: Übereinstimmung in Prozent, Teilen-Knopf, E-Mail-Formular
Ergebnisseite
Low-Fidelity-Wireframe der E-Mail mit der vollständigen Rangliste der Parteien
E-Mail mit mehr Informationen

4.3High-Fidelity-Wireframes

Echtes Logo, echte Inhalte, die endgültigen Farben. Das Hero-Foto des Parlamentsgebäudes gab den Ton an: ernst, aber keine Behördenseite.

High-Fidelity-Wireframe der Landingpage: Foto des Parlaments, Titel «Volebná kalkulačka 2020», Aussagekarten
Landingpage
High-Fidelity-Wireframe der Ergebnisseite mit Übereinstimmung in Prozent und E-Mail-Formular
Ergebnisseite
High-Fidelity-Wireframe der E-Mail mit der Übereinstimmung zu jeder Partei
E-Mail mit mehr Informationen
05Was
geschah

Wie es lief.

Zwei IT-Enthusiasten, mehrere Abende und Wochenenden. Ich hatte die Idee und das Konzept und verantwortete die User Experience; mein Kollege Marián Vismek baute das Backend. Das Ergebnis hat uns beide überrascht.

In weniger als einem Monat

522'254

Mehr als eine halbe Million Menschen haben den Rechner abgeschlossen, ungefähr jeder zehnte Slowake.

3 Min.

Durchschnittliche Zeit von der ersten Aussage bis zum Ergebnis.

98'774

Personen, die eine detaillierte Analyse per E-Mail wünschten.

Nur organische Kanäle

Nichts wurde bezahlt. Die Kanäle, die die Website trugen, fanden die Idee einfach gut.

94

Externe Backlinks auf die Website, von 16 verweisenden IPs.

16'900

Interaktionen mit den Beiträgen der Website, darunter 2,5k Shares und 7,5k Kommentare.

9+

Influencer, die die Idee unterstützten, ohne gefragt oder bezahlt worden zu sein.

In der Presse

Vier Artikel in nationalen Medien. Die Schlagzeilen sind übersetzt; jede Karte verlinkt auf das slowakische Original und auf eine automatische Übersetzung.

Porträt von Daniel Kušnirik, verwendet von aktuality.sk
aktuality.sk · Februar 2020Wahlen 2020: Wir wissen, wer hinter dem viralen Wahlquiz steht. Er will die Wahl fördern, nicht Daten missbrauchen.Voľby 2020: Vieme, kto stojí za virálnym predvolebným kvízom. Chce propagovať voľby, nie zneužívať údaje Original · Automatisch übersetzt
Daniel Kušnirik und Marián Vismek, fotografiert für startitup.sk
startitup.sk · Februar 2020Der Wahlrechner gibt einen exklusiven Einblick in die Meinungen von mehr als einer halben Million Slowaken.Volebná kalkulačka prináša exkluzívny pohľad na názorové preferencie viac ako pol milióna Slovákov Original · Automatisch übersetzt
Der Plenarsaal des slowakischen Parlaments während einer Sitzung
startitup.sk · Februar 2020Diese Seite zeigt dir in wenigen Minuten, wen du wählen solltest.Vďaka tejto stránke zistíš v priebehu pár minút, koho by si mal voliť Original · Automatisch übersetzt
Ein Wahllokal in der Slowakei
tvnoviny.sk · Februar 2020Ein Wahlquiz kann unentschlossenen Wählern helfen.Nerozhodnutým voličom môže pomôcť volebný kvíz Original · Automatisch übersetzt

Auf Facebook

Die grössten Satireseiten des Landes posteten ihre eigenen Ergebnisse. Das, mehr als die Presse, machte es viral.

Bild aus einem Facebook-Beitrag zum Rechner: ein Kind mit verzogenem Gesicht Meme der Seite Kripláže: ein Mann schaut ungläubig auf sein Telefon, daneben ein Screenshot seines Ergebnisses Das Teilen-Bild des Rechners: der blau eingefärbte Parlamentssaal mit dem Namen volbydoparlamentu.sk

Auf Instagram

Politiker und bekannte Persönlichkeiten posteten ihre Ergebnisse als Stories mit Swipe-up-Link. Nichts davon war abgesprochen.

@richard_sulik25,8k Follower · Parteichef
@kristina.tormova118k Follower
@zuzanahanzelova60,8k Follower · Journalistin
@sisa_kr60k Follower
Instagram-Story: «Volebný kvíz 2020», Swipe up Instagram-Story mit einem ausgefüllten Quiz und der Bildunterschrift «Dikyyy» Instagram-Story: «Quiz erfolgreich abgeschlossen», mit Übereinstimmung in Prozent Instagram-Story: ein Selfie mit Empfehlung für das Quiz

Ein paar letzte Worte

Am Anfang wusste ich nicht, ob das Projekt auch nur eine Stunde wert ist. Am Ende war es das eindeutig. Die Wahlbeteiligung stieg 2020 von 59,8 % auf 65,8 %, die höchste seit 2002. Der Rechner kann das nicht für sich beanspruchen, aber er war Teil eines Monats, in dem sehr viele Menschen übers Wählen sprachen.

Was ich heute beibehalten würde: Recherche vor Pixeln, drei Seiten statt zehn, ein Ergebnis, das man teilen will. Was ich ergänzen würde: einen klareren Datenhinweis gleich am Anfang, denn die erste Frage der Presse galt den E-Mail-Adressen.